Inklusion – ein Interview

“Hier kann jeder sein wie er will”

Inklusion – Für die Villa Kunterbunt eine Selbstverständlichkeit. Doch was bedeutet dies für die betroffenen Familien selbst? Wie nehmen sie die inklusive Arbeit der Villa Kunterbunt wahr? Ein Interview unter Eltern.

Villa Kunterbunt: Liebe Sonja, liebe Nathalie vielen herzlichen Dank, dass Ihr Euch die Zeit nehmt, mit mir über Inklusion und die Arbeit der Villa Kunterbunt zu sprechen. Eure Töchter haben einen so genannten „besonderen Förderbedarf“. Damit die Leser das Interview besser einschätzen können, könnt Ihr uns Eure Töchter kurz vorstellen?

Sonja: Gerne. Unser Tochter Zoe ist 6 Jahre alt und besucht seit 3 Jahren die Villa Kunterbunt. Zoe leidet unter einer so genannten „Autismus Spektrum Störung“. Das ist im Grunde eine Wahrnehmungsstörung. Einerseits ist sie kognitiv hoch begabt: Sie kann bereits flüssig lesen, auch die Handschrift von Erwachsenen. Rechnen fällt ihr ebenfalls sehr leicht. Auf der sozialen und emotionalen Seite hat Zoe aber Schwierigkeiten. Es fällt ihr schwer, soziale und emotionale Signale anderer richtig einzuschätzen und angemessen darauf zu reagieren. Menschenmassen und Lärm stressen sie sehr. Zwischendurch taucht sie in ihre eigene Welt. Sie zeigt deutliche wiederholende und stereotype Verhaltensweisen und braucht feste Bezugspersonen und eine ganz klare Tagesstruktur, an die sie sich halten kann.

Natalie: Sophie ist ein aufgewecktes, kleines Mädchen. Sie ist 5 Jahre alt und besucht ebenfalls seit 3 Jahren die Villa Kunterbunt. Sophies Einschränkungen sind rein körperlich. Sie leidet unter einer so genannten Spina bifida. Sie ist ab der Lendenwirbelsäule gelähmt und hat Klumpfüße. Sie kann weder selbstständig laufen noch frei stehen. Ansonsten ist sie aber ein kleiner Wirbelwind und hält mich ganz schön auf Trab.

Villa Kunterbunt: Wie seid Ihr zur Villa Kunterbunt gekommen bzw. warum habt Ihr Euch für die Villa Kunterbunt entschieden?

Natalie: Ich habe über das Informationsschreiben der Stadt von der Villa Kunterbunt erfahren und ehrlich gesagt, war die Villa Kunterbunt nur mein Drittwunsch. Aber ich bin wirklich sehr froh, dass wir schließlich hier gelandet sind. Es ist so schön familiär hier und Sophie fühlt sich einfach pudelwohl.

Sonja: Wir sind auch erst durch Umwege hier gelandet. Wir hatten zunächst nicht vor, Zoe hier anzumelden, obwohl wir hier ganz in der Nähe wohnen. Denn es geht das Gerücht um, dass hier nur die „High Society“ ihr Kind anmelden kann. Und da haben wir es gar nicht erst versucht. Doch die anderen Kindertagesstätten haben uns alle eine Absage geschickt, teilweise obwohl sie uns vorher im Gespräch einen Platz versprochen hatten. Da haben wir dann bei der Stadt angerufen und die hat uns an die Villa Kunterbunt verwiesen. Und ich muss sagen, ich bin überglücklich hier einen Platz für Zoe bekommen zu haben. Es ist überhaupt nicht „High Society“ hier.  Ich meine, wir sind auch eine ganz normale Familie und die anderen hier ebenso. Die Erzieherinnen waren von Anfang an so hilfsbereit und haben uns wirklich in allen Belangen unterstützt. Zoe hat sich auch vom ersten Kontakt an hier wohl und angenommen gefühlt und das ist bei Zoe echt bemerkenswert. Das passiert nicht so oft.

Villa Kunterbunt: Sonja, Du hast Unterstützungsangebote angesprochen. Kannst Du das vielleicht etwas näher erläutern?

Sonja: Gerne. Also generell muss ich sagen, dass hier immer alle ein offenes Ohr haben. Es ist für uns jederzeit möglich, die Erzieherinnen anzusprechen und uns auszutauschen – auch über Herausforderungen im Alltag. Wir stimmen uns sehr gut ab. Aber wir finden hier auch immer wieder ganz praktische Hilfe. So hat uns das Team der Villa Kunterbunt wirklich sehr bei der Suche nach einer passenden Schule für Zoe geholfen. Auch hat die Villa Kunterbunt für uns einen Austausch mit der Autismusambulanz und der Frühförderung organisiert. Da saßen alle vier Parteien, also Autismusabulanz, Frühförderung, die Integrationskraft der Villa Kunterbunt und wir als Eltern zusammen und haben uns ausgetauscht. Das war wirklich großartig. Die Frühförderung kommt auch einmal in der Woche in die Kita und führt die Therapie vor Ort durch. Das ist eine große Erleichterung für uns.

Natalie: Das ist bei uns genauso. Sophie hat sogar zweimal in der Woche hier Physiotherapie und einmal Frühförderung. Das hilft mir enorm. Ich habe kein Auto und für mich wäre es logistisch eine große Herausforderung, Sophie am Nachmittag rechtzeitig zu ihren Therapieterminen zu bringen. So ist das alles schon erledigt, wenn ich sie abhole.

Villa Kunterbunt: Und könnt Ihr einen Unterschied feststellen? Wie haben sich Zoe und Sophie hier entwickelt? Könnt Ihr Fortschritte feststellen, die ihr zumindest auch zum Teil der Förderung durch die Villa Kunterbunt zuschreibt?

Sonja: Auf jeden Fall. Zoe hat zum Beispiel bis zum Eintritt in die Kita gar nicht gesprochen. Null. Sie hat erst in der Kita gelernt, sich auch über Sprache auszudrücken. Vorher hat sie nur körperlich reagiert, leider auch oft mit Gewalt. Hier hat sie einen geschützten Raum gefunden, in dem sie soziale Begegnungen mit anderen Menschen außerhalb ihrer Kernfamilie erlernen konnte. Klar, ist ihr Verhalten manchmal immer noch auffällig, aber es ist so, so viel besser geworden. Zoe hat hier Freunde gefunden. Sie wird von den anderen Kindern so akzeptiert wie sie ist. Sie bleibt nicht außen vor. Manchmal zieht sie sich selbst zurück, aber auch das wird von den anderen Kindern dann so akzeptiert. Von Kindern können Erwachsene noch viel lernen. Die gehen oft ganz pragmatisch mit solchen Situationen um.

Natalie: Sophie ist auch viel selbstbewusster geworden. Sie ist hier auch mittendrin. Egal bei welcher Aktivität. Auch die Waldtage macht sie sehr gerne mit. Und es ist toll zu sehen, wie die anderen Kindern mit ihr umgehen. Es bleiben immer welche in ihrer Nähe und integrieren sie im Spiel. Ihr Spezialfahrrad erfreut sich großer Beliebtheit. Sie kann hier einfach sein wie jedes andere Kind auch. Das ist für mich Inklusion.

Villa Kunterbunt: Das ist schön zu hören. Gibt es sonst noch was, von dem Ihr sagt: Das macht die Villa Kunterbunt besonders?

Natalie: Ja, diese kleine, familiäre Atmosphäre. Jeder kennt jeden. Man hilft sich gegenseitig.

Sonja: Genau. Durch Corona war dieser „Gemeinschafts-Aspekt“ in den letzten Monaten natürlich eingeschränkt, aber so einen Zusammenhalt findet man in einer großen Kita einfach nicht. Wir fahren zum Beispiel einmal im Jahr mit allen Familien auf ein Kita-Wochenende. Selbst dieses Jahr haben wir das hinbekommen. Das hat richtig Spaß gemacht und lässt die Familien näher zusammen rücken. In welcher anderen Kita macht man so etwas? Auch die Möglichkeit die Kinder flexibel zu bringen und abzuholen schätze ich sehr. Es könne zwar nur 45Stunden gebucht werden. Dafür ist man aber auch maximal flexibel. Man hat keine festen Bring- und Abholzeiten, sondern kann das individuell besprechen. Natürlich ist es für die Kinder gut, wenn sie spätesten zum Morgenkreis da sind. Denn den will keiner verpassen. Aber ansonsten lässt sich viel regeln.

Villa Kunterbunt: Empfindet Ihr die Tatsache, dass die Villa Kunterbunt eine kleine Elterninitiative ist, nicht manchmal auch als Nachteil? Stichwort Mitarbeit der Eltern?

Sonja: Es ist klar, dass eine Elterninitiative nur durch und mit den Eltern betrieben werden kann. Das macht mehr Arbeit als in anderen Kitas, dafür kann man aber auch mitentscheiden. Man ist viel näher dran. Und es macht auch Spaß in einem Hauruck zusammen den Garten in Stand zu halten, spätestens beim Grillen danach.

Villa Kunterbunt: Ich danke Euch auch für dieses Gespräch. Ich bin froh, dass Zoe und Sophie sich hier so wohl fühlen und sich so toll entwickelt haben. Ich empfinde es auch als Bereicherung, dass wir inklusiv arbeiten. Die Kinder als auch wir Erwachsene lernen dadurch sehr viel.

 

Das Interview wurde geführt von einem Vorstandsmitglied der Villa Kunterbunt, das selbst drei Kinder in Villa Kunterbunt hat(te).